13.02.2020

Wissen Affen, was wir Menschen denken? Internationale Forscher-Elite bei Psychologen-Tagung in Salzburg

Können sich - ähnlich wie Menschen - auch Menschenaffen in andere hineinversetzen, deren Emotionen erkennen und auf deren Absichten schließen? In dieser Frage gibt es in der Scientific Community eine heftige Kontroverse, mit den prominenten amerikanischen Verhaltensforschern Michael Tomasello und Daniel Povinelli als Speerspitzen der gegensätzlichen Richtungen.

Die einen („Booster“) sagen, Affen können fast alles. Die Evidenz dafür sei lächerlich, spotten die anderen („Scoffer“). Ihrer Meinung nach können Affen fast nichts.

Anfang Jänner diskutierten Tomasello und Povinelli an der Uni Salzburg bei einer von den Salzburger Psychologen Michael Huemer, Josef Perner und Beate Priewasser veranstalteten Tagung zur Frage wie wir verstehen, was andere tun („Understanding Actions and Reasons“).

Ohne Zweifel, Menschenaffen sind intelligent. Aber haben sie auch die besondere Art von Intelligenz, die Menschen zu kultureller Zusammenarbeit und technischen Höchstleistungen befähigt? Die Wurzel dafür liegt vermutlich im Verstehen, wie die Welt für Andere ausschaut, um gemeinsame Zielvorstellungen zu entwickeln, Wissen auszutauschen und Gefühle Anderer zu respektieren. In der Psychologie und Hirnforschung spricht man von „Theory of Mind“. Gemeint ist damit die Fähigkeit, das eigene und das Verhalten anderer durch Zuschreibung mentaler Zustände zu interpretieren. Bei der Frage, wann Kinder diese Fähigkeiten erwerben, nimmt Salzburg einen internationalen Spitzenplatz ein, u.a. mit experimentellen Studien im Kinderlabor.

Nein, Menschenaffen können sich nicht in andere hineinversetzen. Zu dem Schluss kommt der Biologe und Verhaltensforscher Daniel Povinelli von der University of Louisiana nach Dutzenden Experimenten mit Schimpansen. Im sogenannten „Bitt-Paradigma“ hat er zum Beispiel gezeigt, dass aus der Tatsache, dass Menschenaffen sehr gut dem Blick von Menschen folgen, - was als Indiz für Verstehen gilt –  nicht folgt, dass Menschenaffen begreifen, wie Menschen ticken.

In dem Experiment wird den Schimpansen beigebracht, dass sie Wärter, die eine Banane halten, bitten müssen, um die Banane zu bekommen. Das kapieren die Tiere schnell. Dann wird einem Wärter mit Banane ein Kübel über den Kopf gestülpt, so dass er die Bittgeste der Schimpansen gar nicht sehen kann. Trotzdem bitten die Schimpansen genauso oft diese Person wie jene mit der freien Sicht. Povinellis Fazit: Schimpansen verstehen nicht, was Menschen sehen und wissen. Sie verstehen nur oberflächliche Regelmäßigkeiten im Verhalten.

Stimmt nicht, kontert Michael Tomasello, der ursprünglich auf Povinelli’s Linie war und Menschenaffen kein Verständnis von Bewusstsein zuschrieb. Nach seinem Wechsel von der Emory University in Georgia/USA nach Leipzig an das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie entwickelte er gemeinsam mit Brian Hare Futterneid-Experimente, die zu zeigen scheinen, dass Affen sehr wohl verstehen, was andere sehen, wissen oder wollen und dass sie das clever ausnutzen. Zwei Schimpansen, ein ranghöherer und ein rangniedriger sitzen sich - getrennt durch ein Gitter - gegenüber und können sich beobachten. Zwischen ihnen liegt eine Banane. Zuerst wird der Rangniedrigere freigelassen, dann sofort der Ranghöhere. Da der Rangniedrige weiß, dass er keine Chance gegen den Dominanten hat, läuft er gar nicht zur Banane hin. Dann legen die Versuchsleiter zur ersten - für beide Schimpansen gut sichtbaren - Banane eine zweite dazu, die nur der rangniedrigere Affe sehen kann. Auf diese stürzt er sich auch prompt, als er kurz vor seinem Rivalen freigelassen wird. Tomasellos Schlussfolgerung: Der rangniedrige Affe weiß, was der andere sieht bzw. nicht sieht und handelt entsprechend. Für Tomasello stehen Schimpansen, Orang Utans oder Gorillas bewusstseinsmäßig ungefähr auf der gleichen Stufe wie vierjährige Kindern („So wie Kinder wissen Affen, was andere sehen, hören oder kennen. Und so wie Kinder bis zu einem Alter von ungefähr vier Jahren verstehen sie nicht, wenn andere etwas glauben, das den Fakten widerspricht. Affen verstehen das nie, Kinder wenn sie älter sind.“)

Doch warum kommt Tomasello zu einem völlig anderen Schluss als Povinelli? Es könnte mit dem Experiment-Design zu tun haben, lautet eine plausibel klingende Erklärung. Tomasello beobachtete die Tiere beim Konkurrenzkampf um Futter, das ist ein für Schimpansen typisches Verhalten; nicht typisch für sie ist hingegen kooperatives Verhalten, wie es Povinelli im Bitt-Paradigma getestet hat.

Das räumt Povinelli ein, aber er bleibt dabei: Affen agieren und reagieren schlicht und einfach nach oberflächlichen Verhaltensregeln. Mehr könnten wir aus den Experimenten nicht ableiten, auch nicht aus denen Tomasellos. Keines der Experimente würde taugen, um etwas über das Bewusstsein von Affen aussagen zu können. („Affen haben definitiv einen Verstand, sie sind sehr intelligent; die Frage ist aber, ob sie sich ihres Verstandes bewusst sind, und das können wir mit unseren derzeitigen Experimenten nicht herausfinden.“) Die Experimente würden nur zeigen, was Schimpansen über die objektive Welt wissen. Um an ihre Ziele zu kommen, müssten Schimpansen nicht verstehen, was andere sehen oder wissen. Wir Menschen würden unsere Alltagspsychologie in die Affen hineinprojizieren.

Und wer hat jetzt recht in der seit der Jahrtausendwende andauernden Kontroverse zwischen Povinelli und Tomasello, ob Menschenaffen die Perspektive anderer einnehmen und auf den Wissenstand anderer Rücksicht nehmen können oder ob sie sich lediglich nach Verhaltensregeln richten? Das ist offen.

Der Salzburger Kognitionspsychologe Josef Perner, der mit seinem Team seit Jahrzehnten untersucht, wie Kinder die Alltagspsychologie erwerben, kann der behavioristischen Position Povinellis teilweise etwas abgewinnen. „Um zu verstehen, was andere tun, versetzen sich auch Menschen, egal ob Kinder oder Erwachsene, normalerweise nicht in andere hinein. Man kommt meist ganz gut ohne eine Theory of Mind aus. Nur wenn jemand einen „falschen Glauben“ hat, so heißt der Fachbegriff für eine irrige Überzeugung, nur dann muss man, um das Verhalten des anderen erahnen zu können, verstehen, dass er einen inneren Zustand hat, der die Welt anders darstellt als sie ist.“ Normalerweise regiere im Alltag ein Mittel-Zweck-Denken. Was muss ich tun, um ein Ziel zu erreichen? (Es regnet. Um nicht nass zu werden nehme ich einen Regenschirm.) Perner beschäftigt sich aktuell intensiv mit dieser Richtung der Handlungsphilosophie. „Ich kann mit Mittel-Zweck-Denken - wir sprechen von Teleologie - sehr gute Vorhersagen machen ohne dass ich psychologistisch werde. Solange es um Fakten geht, brauche ich zur Erklärung von Verhalten keine innerpsychischen Vorgänge.“

Kinder sind ab einem Alter von ungefähr 4 Jahren imstande zu erkennen, wenn jemand etwas irrigerweise glaubt („False Belief“). Ab da lernen sie die Überzeugungen einer Person in ihr Denken mit einzubeziehen. Das entscheidende Experiment dazu haben Heinz Wimmer und Josef Perner 1983 durchgeführt („Maxi und die Schokolade“). Anzeichen eines viel früheren Verständnisses (schon mit 7 Monaten) sind wegen ihrer fraglichen Replizierbarkeit noch heftig umstritten. Über den Level von vierjährigen Kindern kommen - Tomasello zufolge – Affen jedenfalls nicht hinaus.

Foto v.l.n.r.: Beate Priewasser, Michael Huemer und Josef Perner

Fotonachweis: Kolarik

Kontakt: Univ.-Prof. Dr. Josef Perner, Fachbereich Psychologie, Centre for Cognitive Neuroscience , Universität Salzburg , Hellbrunnerstraße 34, 5020 Salzburg, t.: 0662 8044-5124, Email: josef.perner@sbg.ac.at, https://ccns.sbg.ac.at/people/perner

 

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