16.06.2020

Corona und das gute Leben

Die Corona-Krise hat unser aller Leben gehörig durcheinandergebracht: Sie hat unsere Pläne zerschlagen, uns eingeschränkt, alltägliche Routinen zerstört, alte Denkmuster unbrauchbar gemacht und uns unsere Verletzlichkeit ins Bewusstsein gerufen. Und wie jede Krise erzeugt sie ein Bedürfnis nach Orientierung.

Es drängen Fragen an die Oberfläche, die sonst in der Hektik des Alltags untergehen oder allzu leicht wegzuschieben sind: Mache ich, machen wir (aufs Ganze gesehen) überhaupt das Richtige? Wofür lohnt es sich zu leben? Welche Werte soll ich anstreben? Überhaupt: Was ist der Sinn des Lebens? Und, nicht zuletzt: Wie sollen wir als Gesellschaft leben, an welchen Werten sollen wir unser gemeinsames Leben ausrichten?

Existenzielle Fragen wie diese sind unangenehm; sie können uns den Boden unter den Füßen wegziehen. Aber sie sind wichtig, denn sie halten uns dazu an, uns selbst zu prüfen. Und sie verhelfen uns dazu, ein authentischeres, ein besseres Leben zu führen, das weniger ein „dahingelebtes“ Leben ist, sondern das das zu verwirklichen sucht, auf was es wirklich ankommt.

Was ist ein gutes Leben?

Unter den Wissenschaften ist es vor allem die Philosophie, die sich dieser Fragen annimmt. Sie werden von ihr unter der Frage „Was ist ein gutes Leben?“ verhandelt. Für lange Zeit war dies das Kernanliegen der Philosophie, die ja selbst – in der Antike – in einer Krisenzeit entstanden ist. Doch ab der Aufklärung verbreitete sich die Meinung, dass sich diese Fragen wissenschaftlich nicht behandeln ließen, weil sie zu subjektiv seien. Auf sie könne sich zwar jeder selbst nach Belieben einen Reim machen, die Wissenschaft hätte dazu aber nichts zu sagen. Manche kamen sogar zur Ansicht, dass diese Fragen überhaupt sinnlos seien und das Bemühen, sie zu beantworten, völlig vergebens.

Diese Ansicht, die auch heute noch von manchen Philosophinnen und Philosophen vertreten wird, ist unverantwortlich und gefährlich. Denn diese Fragen nicht aufzugreifen bedeutet, sie der Esoterik, der Ideologie, der Verschwörungstheorie und dem Populismus zu überlassen, die sie meisterhaft für sich zu nutzen wissen.

Renaissance in der Philosophie

Ja, es ist schon korrekt, dass man diese Fragen nicht mit mathematisch-logischer Methodik und Genauigkeit beantworten kann. Aber dies bedeutet nicht, dass sie sich gar nicht wissenschaftlich behandeln lassen. Im Gegenteil, auch im unübersichtlichem Terrain lässt sich noch zwischen den plausiblen und den weniger plausiblen, zwischen den rational besser abgesicherten und den schlicht irrationalen Optionen unterscheiden. Und so können wir uns glücklich schätzen, dass die Frage nach dem guten Leben in der Philosophie gerade eine Renaissance erfährt. Dies hat gute Gründe, denn viele der drängenden Fragen, die sich heute stellen – Wie sollen wir mit den enormen Möglichkeiten der Technik umgehen? Wie die Digitalisierung einsetzen? Wie die Globalisierung regulieren? Wie den Klimawandel bekämpfen? – lassen sich nicht richtig beantworten, wenn wir nicht auch diese existenziellen Fragen behandeln.

Und auch wenn es der Philosophie nicht gelingen mag, die eine allseligmachende Antwort zu geben, so kann sie doch helfen, diese existenziellen Fragen rational verantwortet wach zu halten und die besseren von den schlechteren Antworten zu unterscheiden. Das ist in einer Zeit wie der, die wir gerade durchleben, schon viel.

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Michael Zichy leitet den Fachbereich Philosophie der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universität Salzburg.

Barrierefreiheit: Kurzbeschreibung des Bildes

 Foto: Pixabay.com

 

 

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